Wir leinen ab und lassen spiiiieelen!

Diesen Satz werde ich wohl nie so ganz aus dem Kopf bekommen. War er doch der Anfang unserer Misere und eines Marathons durch die unterschiedlichsten Methoden in der Hundeerziehung.

Den Hund ableinen – die meisten Hundehalter machen das täglich, viele sogar mehrfach am Tag. Ist ja auch kein großes Ding. Was gibt es da also groß drüber zu schreiben? Nehmen wir diesen banalen Vorgang doch einmal etwas genauer unter die Lupe.
Gerne möchte ich euch dafür zunächst einmal etwa ein Jahrzehnt zurück mit in meine Vergangenheit nehmen.
Zu dem Zeitpunkt, war mein Dusty noch ein knuffeliger, zuckersüßer Welpe, und wir besuchten guter Dinge den Welpen- und später Junghundekurs einer renommierten Hundeschule. Macht man ja schließlich so. Damit von Anfang an auch alles richtig läuft.

Bevor es so richtig mit dem Unterricht losging, durften alle (ca 18) Welpen erst einmal ausgiebig miteinander toben. „Wir leinen ab und lassen spiiiieelen! So schallte es zu Beginn jeder Stunde über den Platz. Und zwischen den Übungen hieß es dann auch noch einmal: Wir lassen aaaabsitzen! Wir warten auf den Blickkontakt! Uuuund dann leinen wir ab und lassen spiiielen!!!

Zack, weg waren sie dann auch, die Welpen. Während die einen sich kopflos in´s Getümmel stürzten, suchten andere das Weite oder gar ein Versteck (bevorzugt zwischen oder hinter die Beine ihrer Menschen, wo sie dann aber weggeschickt wurden).

Wir frischgebackenen Hundehalter tummelten uns indes um den Trainer, um die ein oder andere Frage loszuwerden. Dieser hatte somit -so er denn gewollt hätte – zwangsläufig keine Chance mehr, auf die wilde Horde zu schauen. (Was ich inzwischen von solchen Welpengruppen halte, dazu gerne ein andermal mehr)

Was damals geschah, aus heutiger Sicht:
Die Zwerge, alle noch tüchtig grün hinter den Ohren, haben gelernt: Mein Zweibeiner überlässt es mir ganz allein, wie ich mit den anderen Hunden zurechtkomme, sobald die Leine ab ist. Es gibt keinen Schutz, ich muss mich selbst schützen. Entweder ich „hau“ mit drauf, oder ich hau ab. Leine ab bedeutet: Guck, wie du klarkommst, regle das selbst!
Lange Zeit habe ich das Ableinen dann brav weiterhin so absolviert, wie in der HuSchu gelernt: Siiiiiiitz! Schau! Und lauuuuuf! Armwedel inbegriffen. Gelernt ist gelernt.

Und genau das tat Dusty dann auch. Und zwar gern und ausgiebig und außerdem so lang wie er wollte. Dass die Zuverlässigkeit unseres Rückrufs gegen null ging, brauche ich wohl nicht dazusagen.
Bei Hundesichtung lief er gut und gern mehrere hundert Meter quer über die Felder. Auch andere Zweibeiner waren einen Abstecher wert und Hasen sowieso.

Dennoch war ich regelmäßig froh, wenn ich die doofe Leine endlich abnehmen konnte. Dusty an der Leine zu führen war weiß Gott kein Zuckerschlecken und teilweise sogar äußerst schmerzhaft für Arme, Schultern und Rücken und im Winter bei Glätte noch gefährlich dazu.
Was hat das jetzt alles mit dem Ableinen zu tun fragst du dich? Diesem unscheinbaren, täglichen Akt?
Was genau passiert denn da eigentlich? Aber zunächst: Was passiert da bei dir?

Frag dich einmal, was DU für eine Einstellung zur Leine hast?

Ist sie für dich genauso ein notwendiges Übel wie früher für mich? Bist du froh, wenn du sie endlich abnehmen kannst? Findest du es schlimm für deinen Hund, wenn er durch die Leine eingeschränkt ist und nicht tun und lassen kann, was er möchte? Fühlst du dich vorgeführt, wenn er dich damit durch die Gegend zerrt?
Oder siehst du die Leine als ein Band der Sicherheit und Verbundenheit? Hast du ein Gefühl von Miteinander, wenn dein Hund dich an der Leine begleitet?
Welche Einstellung DU zur Leine hast, ist wirklich nicht unwichtig. Dein Hund spürt deine Empfindungen nämlich sehr genau – und über die Leine hat er erst recht einen direkten Draht zu dir!

Wir lassen Aaaabsitzen!
Du gehst mit deinem Hund an der Leine spazieren und möchtest ihn ableinen. Vorher schaust du dich noch einmal gewissenhaft um, ob da wer ist. Dann gibst du das Kommando SITZ! Durch das Absetzen bringst du deinen Hund in eine Erwartungshaltung. Die meisten kennen das Prozedere genau und wissen, dass ihr, wenn sie jetzt alles machen wie gewünscht, die Leine abnehmen werdet. Je wichtiger das für deinen Hund ist, umso höher wird seine Anspannung durch das Absetzen sein. Viele zappeln dann auch von einer Pobacke auf die nächste.

Wir warten auf den Blickkontakt!
Der kommt in der Regel dann auch recht schnell. Hat der Hund kurz abgecheckt, was so in der Umgebung los ist, wird er dir diesen Blick recht schnell schenken. Gehört ja schließlich zum Programm. Gelernt ist gelernt. Der Gedanke dahinter, der Hund möge sich so auf seinen Halter konzentrieren oder zeigen, dass er gewillt ist, unsere Kommandos strikt zu befolgen, ist sicher gut gemeint. In meinen Augen ist das hier aber ein konditioniertes Verhalten. Nicht mehr und nicht weniger.

Wir leinen ab und sagen lauuuuuf!
Na suuuuper! Am besten noch mit einer ausschweifenden Armbewegung.
Heute weiß ich, dass es für Hunde ein ABSOLUTES No Go ist, sich mehr als ein paar Meter von seiner Gruppe zu entfernen, wenn man gemeinsam unterwegs ist. (Machen wir Menschen das nicht auch so?) Was machen wir Schlaumeier? Wir schicken unsere Hunde weg! Weg von uns! Lauuuuf!!! Und wo zeigen wir dabei meistens hin? Nach vorne! Wir schicken unsere Hunde vor! An die vorderste Front!
Für unsere Vierbeiner steckt da eine ganze Menge an Aussagen in diesem simplen Ableinprozess.
Was wir sagen im schlimmsten Fall damit sagen:

„Achtung, Achtung! Jetzt kommt gleich was Neues! Setz dich hin und warte ab! Schau mich an, ich möchte dir etwas sagen! Jetzt kann ich dich und mich endlich aus dieser doofen Verbindung befreien! Und dann: Lauf! Fort von mir! Ich will dich nicht in meiner Nähe haben!

Kümmre dich, regle DU, triff Entscheidungen!

Da darf man sich nicht wundern, wenn der Hund nicht freudig zurückkommt, wenn man ihn ruft, oder? Und auch nicht, wenn er schon AN der Leine durch Ziehen und Zerren klarmacht, dass er a) den Weg und b) das Tempo vorgeben möchte, und/oder c) nicht schnell genug von dir wegkommen kann.

Inzwischen leine ich anders ab und zwar so:
Ich gehe entspannt mit dem inzwischen (Halleluja) leinenführigen Dusty los. Da, wo wir die Sicherheit der Leine nicht brauchen, da switche ich im Gehen den Karabiner ab und geh weiter. Einfach so! Ohne Tam Tam, ohne Kommando.
Und Dusty? Der geht genauso entspannt weiter, einfach so! Er passt sein Tempo meinem an. Bleibe ich stehen, tut er das auch. Einfach so. Gehe ich weiter, kommt er mit. Er hält sich freiwillig in einem Radius von ca acht bis 10 Metern von mir auf. Kommt uns ein Hund oder Mensch entgegen, schaut er mich an, um meine Entscheidung abzufragen, wie wir mit dieser Begegnung umgehen werden. Manchmal bitte ich ihn dann zu mir und lege die Leine an – einfach so. Weil sie Sicherheit gibt. Dusty weiß, dass ich die Situation regle und ihn bei Bedarf schütze, viele Entgegenkommende sind froh, wenn sie sehen, dass der große Hund unter Kontrolle ist. Manchmal sage ich Dusty aber auch, dass es in Ordnung ist, wenn er „Hallo“ sagt.
Wir sind zusammen unterwegs – ob mit oder ohne Leine. Das genieße ich jeden Tag.

So sieht es inzwischen in der Regel bei uns aus. Nicht immer und nicht ausnahmslos, das wäre gelogen. Es gibt durchaus auch Hunde, da tickt Dusty regelrecht aus. Und es gibt auch Schnüffelflecke, die im Moment mal wichtiger sind, als mein Rückruf. Da kann ich inzwischen aber auch mal fünfe gerade sein lassen, ohne das Gefühl zu haben, dass mir ein Zacken aus der Krone bricht. Schließlich erwarte ich ja auch von ihm, dass er mir die ein oder andere Macke verzeiht.

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