Leinenführung beginnt zu Hause

“Zuhause haben wir eigentlich keine Probleme”, oder “Zuhause ist er total lieb und anhänglich” Diese Sätze höre ich immer wieder, wenn ein Kunde sein Leid aufgrund mangelnder Leinenführung klagt und ich nach dem Verhalten in Haus oder Wohnung frage.

Wenn dann noch kommt “Er ist ja so anhänglich, muss immer in meiner Nähe sein, liegt am liebsten vor (oder besser noch auf) meinen Füßen…” , dann habe ich regelmäßig ein Déjavu.

Denn mir ging es vor ein paar Jahren noch ganz genau so. Egal wie oft ich mich zu Hause von A nach B bewegte, mein Dusty folgte mir wie mein Schatten. Ging ich irgendwo hin, wo er nicht hin durfte, konnte ich sicher sein, dass er mich zum Beispiel am Fuße der Treppe, oder vor der WC-Türe erwarten würde.
Ganz ehrlich? Ich fühlte mich ganz schön geschmeichelt…

Doch mit Übertreten der Türschwelle hätte man meinen können, Dusty könne mich nicht mal leiden.
Sobald wir das Haus verließen, stürmte er los. Mich an der Leine wie ein lästiges Übel hinter sich herziehend. Im Freilauf dann oft nur noch als kleiner Punkt in der Ferne zu erkennen, die Ohren auf Durchzug gestellt. 

Dabei hatten wir doch von Anfang an eine Welpenstunde besucht, alles immer schön nach Vorgabe trainiert…

Das alles kommt dir bekannt vor? Dann wird es dir vielleicht gleich ähnlich gehen wie mir, als mich meine Kollegin damals unsanft auf den Boden der Realität beförderte:

“Er macht das nicht, weil er dich so liebt. Er kontrolliert dich!”  

Puh, das hatte gesessen.

Nachdem ich ein paar Tage konsequent das Stalken unterbunden hatte, musste ich meinen Hund nun plötzlich suchen. Wo war mein Schatten hin? Tja, der lag in einer Ecke und schlief. Stundenlang, seelenruhig und tief und fest. Ein absolut ungewohnter Anblick für mich.

Ich gebe zu, zunächst interpretierte ich ein Beleidigt-Sein in dieses neue Verhalten hinein 😉 

Und  was hat das damit zu tun, dass aus dem daheim doch so braven Hund draußen plötzlich ein Pöbler, Leinenzieher und Ignorant wird?

Oft ist es doch so, dass wir unserem geliebte Vierbeiner zuhause jeden Wunsch von den Lefzen ablesen. Er möchte spielen? Na klar. Er möchte Gassi gehen? Aber sicher. Er möchte gestreichelt werden? Tun wir doch gerne….

Befolgt er ein Kommando, wird gelobt und mit Leckerchen belohnt. Macht man doch so… Kommt er erst nach dem fünfte Rufen, dann gibt es sogar ein Super-Leckerli. Schließlich freut man sich dann mindestens fünfmal soviel, dass er doch noch gehört hat.

Doch kommen wir auf den Punkt: Führung ist das alles nicht. Wer von seinem Hund erwartet, dass er sich führen lässt, der muss ihm erstmal beweisen, dass er das Zeugs dazu hat. Bist du souverän? Und kannst auch in brenzligen Lagen einen kühlen Kopf bewahren? Bis du in der Lage, wichtige Entscheidungen zu treffen? Kannst du wenn nötig auch mal andere in der Bewegung einzuschränken? Du kannst sinnvolle Regeln aufstellen und diese notfalls auch durchsetzen?

Wer wirklich souverän ist, der hat es nicht nötig, herumzuschreien oder gar zu bestrafen. Dem vertraut man gerne. Den respektiert man. Da läuft man gerne nebenher oder schließt sich ihm an.

Wenn all dies schon im häuslichen Umfeld nicht gegeben ist, wenn wir hier schon keine Führungsqualitäten haben, wie können wir dann von unseren Hunden draußen erwarten, dass sie uns die (Leinen)Führung überlassen? Für sie geht es da draußen nämlich vor allem um eines: Um Sicherheit! 

Wenn wir das in den Augen unserer Hunde nicht leisten können, was liegt dann näher, als dass unser Hund diese Führung übernimmt? Auch wenn das eine Menge Stress und Schlafmangel für ihn bedeutet, aus seiner Sicht ist es absolut notwendig, dass einer im Rudel diesen Posten übernimmt.

Führungsqualitäten erreicht man übrigens nicht durch Leinenruck, Richtungswechsel, Stop-and-Go oder Hilfsmittel wie Würge- oder Stachelhalsbänder. Wenn du deinen Hund führen möchtest, dann musst du ihm zunächst beweisen, dass du die Qualitäten dazu hast!

 

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