Ein Facebook-Hilferuf und seine Kommentare

Einmal mehr lese ich heute einen Post zu dem heiß und kontrovers diskutierten Thema Rückruf.

Eine Posterin bittet bei Facebook um Tipps zu folgendem Problem: Wenn sie ihren Hund aus dem Garten wieder ins Haus rufen möchte, passiert folgendes: Er kommt nicht!

Auch Bestechungsversuche mit Leckerlis funktionieren dann nicht.

Der junge Rüde zeige dann sehr deutlich, dass es ihn nicht die Bohne interessiert, was Frauchen von ihm will.

Hilfe kommt auch prompt in Form von gut gemeinten Aussagen wie dieser: “Du hast wahrscheinlich nicht das Ultrasupermega-Leckerli genommen” oder “Du musst dich einfach interessanter für den Hund machen” . Und weiter:” Mach mal richtig Party, wenn er dann im Haus ist, damit er nicht denkt, der Spaß ist vorbei wenn er dann kommt”. Aber auch Ratschläge wie: ” Füttere ihn mal ein paar Tage nur aus der Hand” oder “Du musst einen Notfall-Rückruf mit einer Pfeife und Leberwurst-Tube konditionieren” . Natürlich bleibt auch das “Klick für Blick” nicht aus.

Während ich die arme Halterin vor meinem geistigen Auge bereits den Hampelmann machen sehe, frage ich mich:

Was bitteschön soll der Hund daraus  lernen?

Je später ich reagiere, umso fetter fällt die Belohnung aus?

Frauchen ist gerade hoffnungslos überfordert? Da muss ich beim nächsten Gassigang wohl wieder die Fäden selbst in die Hand nehmen?

Hunde sind hoch-soziale Wesen. Hunde sind nicht dumm. Und Hunde leben in komplexen sozialen Strukturen, ähnlich wie wir.

Der in Facebook immer etwas waghalsige Rat einer Kommentatorin, die Tür dann doch einfach mal zu zu machen und den Hund eine Weile auszuschließen (selbstverständlich nur einmal und das auch nur, wenn das Wetter dies zulässt), wird zuverlässig als Folter und Vertrauensbruch kritisiert.

Man übertrage nun die Ratschläge mal auf unser “Menschenrudel”

(Ja ich weiß, Hunde sind keine Menschen 😉 )

Das Bild vom brüllenden Kleinkind an der Supermarkt-Kasse kommt mir in den Sinn. Und eine Mutter, die immer mehr Schokolade kauft oder das xte Spielzeugauto, damit der Kleine mit ihr den Laden verlässt.

Oder ein 15jähriges Teeni-Girl, dem Papa immer wieder das Taschengeld erhöhen oder das neuste Smartphone versprechen muss, weil es nicht einsieht, dass es doch bitte um 22 Uhr zu Hause sein soll.

Der Chef, der ständig das Gehalt erhöht, damit seine Angestellten doch bitte, bitte ihre Arbeit verrichten…

Was würde ein Hund in so einer Situation tun?

Nun stelle man sich eine Hundemama mit ihren 6 durch die Gegend tobenden Welpen vor und der “böse Wolf” kommt. Hektisch reißt sie einen Hasen oder besser noch ein delikates Reh, um ihre Kleinen davon zu überzeugen in den sicheren Bau zu kommen. Dumm nur, wenn gerade kein passendes Wild zu haben ist…

Verbindliche Grenzen und Regeln geben Sicherheit

Hunde denken da sicher erst gar nicht so viel nach über Lerntheorien und ob ihr Handeln auch tierschutzkonform ist oder nicht. Da heißt es eher: Wenn du den Schutz der Gruppe genießen willst, dann halt dich an die Regeln -Punkt! Verhalten, welches den Einzelnen und somit auch die Gruppe gefährdet wird nicht geduldet und sofort reglementiert – Basta! Das hat weder mit Gewalt zu tun, noch mit Vertrauensbruch. Ein Rudel bleibt zusammen. Im Haus, im Garten – und auf dem Spaziergang sowieso.

Was heißt das jetzt im konkreten Fall?

Nun, ich könnte wetten, dass da auch innerhalb des Hauses schon einiges im Argen liegt. Durch Aufrüsten und Austricksen kann man zwar möglicherweise die Situation “Garten” in den Griff bekommen, eine ähnliche Problematik wird sich dann aber sicher an anderer Stelle wieder zeigen. Als Trainerin würde ich hier zunächst schauen: Wo liegt die Ursache für das Verhalten des Hundes. Wo stimmt was nicht in der Beziehung? Welche Vorstellung hat der Mensch überhaupt von einem harmonischen Miteinander? Und welche hat der Hund?

Welche Regeln sind nötig? Und wo sollte man Grenzen setzen? Wie kann ich Fehlverhalten verständlich korrigieren?  Und wie zeige ich meinem Hund,  dass er sich auf mich und meinen Schutz verlassen kann?

Eine gute Beziehung besteht aus Geben und Nehmen. Aus Respekt und Achtung voreinander. Von BEIDEN Seiten. Dazu gehört für mich auch, dass ich mich bemühe, meinen Hund in seinem Wesen  zu verstehen und seine Bedürfnisse nach Sicherheit und Führung  so gut ich kann zu erfüllen.

Aber ich darf auch von meinem Hund den nötigen Respekt verlangen. Dazu braucht es kein Lautwerden, keine Gewalt und keine Bestrafung.

Genau so wenig aber auch den Notfallpfiff oder die Megajackpotleckerli.

PS: Wer sich oder seinen Kommentar aus diesem oder einem anderen Facebook-Post wiederfindet, dem sei hier ehrlich versichert, dass ich niemanden ins Lächerliche ziehen möchte. Die meisten Probleme, die ein Hundehalter haben kann, kenne ich aus eigener Erfahrung. Dieser Artikel soll ein wenig wachrütteln und zum Nachdenken anregen. Überprüft euer Bauchgefühl von Zeit zu Zeit, und wenn ihr euch mit einem -von wem auch immer-  empfohlenen Training nicht wohl fühlt, dann sucht einen anderen Weg. Denn eins spüren Hunde zu 100 Prozent: Wenn ihr nicht authentisch seid in dem was ihr tut.

In diesem Sinne:

hr deinen Hund – mit Herz und Verstand 🙂

 

 

 

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